Grand Tour

Thaipusam

Thaipusam

Thaipusam

Wenn im zehnten Monat der Vollmond aufgeht, feiern Singapurs gläubige Hindus Thaipusam. Dann durchbohren sie sich Wangen und Zunge mit Spießen, stechen Haken in ihre Haut und tragen daran schwere Lasten durch die Straßen der Stadt.

04. Februar 2015Matthias aus Singapur

Die rech­te Spur der sonst so geschäf­ti­gen Ser­an­goon Road, eine der Haupt­ver­kehrs­adern der Innen­stadt Sin­ga­purs, war auf mehr als einem Kilo­me­ter Län­ge gesperrt. Hier scho­ben sich zwar die­sel­ben Blech­ko­lon­nen durch den dich­ten Stadt­ver­kehr, die auch an jedem ande­ren Tag in die Peri­phe­rie der Metro­po­le drän­gen, doch heu­te muss­ten die Auto­fah­rer für unge­wöhn­li­che Ver­kehrs­teil­neh­mer Platz schaf­fen. Lang­sam kroch an ihnen eine bunt geklei­de­te Men­schen­ko­lon­ne, eine schil­lern­de und reich geschmück­te Pro­zes­si­on vor­bei, die sich noch bis zum Son­nen­un­ter­gang wie ein nicht mehr enden wol­len­der Strom sin­gen­der, beten­der und eksta­tisch ent­rück­ter Men­schen bis tief in das Zen­trum Sin­ga­purs schlän­gel­te.

An die­sem ver­hält­nis­mä­ßig küh­len, aber doch merk­lich tro­pi­schen Frei­tag­mor­gen begeht die tami­lisch-hin­du­is­ti­sche Gemein­de des süd­ost­asia­ti­schen Stadt­staa­tes ihr höchs­tes Fest, Thai­pu­sam. Dann strö­men Tau­sen­de Hin­dus in den Sri Sri­ni­va­sa Per­um­al-Tem­pel, durch­boh­ren sich in einem Akt der Buße ihre Wan­gen, Zun­gen, Rücken und Bauch­haut mit unzäh­li­gen Spie­ßen und Haken, um dar­an bis zu vier­zig Kilo­gramm schwe­re Las­ten zu befes­ti­gen, die sie anschlie­ßend auf eine lan­ge Pro­zes­si­on durch die Stadt schlep­pen.

Tradition im Großstadtdschungel: Ein Gläubiger trägt das Pal Kavadi über die Serangoon Road.

Tra­di­ti­on im Groß­stadt­dschun­gel: Ein Gläu­bi­ger trägt das Pal Kava­di über die Ser­an­goon Road.

Doch obwohl das Sin­ga­pu­rer Thai­pu­sam das größ­te Fest die­ser Art außer­halb Malay­si­as ist, wirkt es hier zwi­schen den Schnell­stra­ßen und Wol­ken­krat­zern selt­sam deplat­ziert. Die süd­ost­asia­ti­sche Metro­po­le ist zwar als Viel­völ­ker­staat bekannt, in dem Kul­tu­ren, die so unter­schied­lich nicht sein könn­ten, fried­lich zusam­men­le­ben, weil nicht zuletzt seit Jahr­zehn­ten eine Poli­tik der unein­ge­schränk­ten Tole­ranz und Schutz aller Eth­ni­en und Reli­gio­nen prak­ti­ziert wird. Doch da die tami­li­sche Gemein­de nur etwa fünf Pro­zent der mehr­heit­lich chi­ne­si­schen Gesamt­be­völ­ke­rung aus­macht, wird Thai­pu­sam trotz sei­ner spek­ta­ku­lä­ren Sze­nen von den ört­li­chen Medi­en oft nur im Lokal­teil oder den aktu­el­len Stau­mel­dun­gen beach­tet. Denn die Sin­ga­pu­rer haben sich in ihrem uner­schüt­ter­li­chen Gleich­mut längst dar­an gewöhnt, daß alle Jah­re wie­der eini­ge ihrer Freun­de und Kol­le­gen ihre fest­li­chen Gewän­der anle­gen und den Marsch der Selbst­kas­tei­ung auf sich neh­men. Und sei es eben, daß er an Stra­ßen­sper­ren und brum­men­dem Ver­kehr vor­bei führt.

In den Häu­ser­schluch­ten Sin­ga­purs trifft die von vedi­schen Gesän­gen und epi­schen Legen­den gepräg­te tami­li­sche Kul­tur so hart und kon­trast­reich auf die pro­fa­ne Lebens­rea­li­tät des 21. Jahr­hun­dert, wie kaum eine Reli­gi­on an einem ande­ren Ort auf die­ser Welt. Auf der einen Sei­te ste­hen die oft vie­le Jahr­tau­sen­de alten, teils schrift­lich fixier­ten, meist aber nur münd­lich über­lie­fer­ten Erzäh­lun­gen, die die gesam­te reli­giö­se und kul­tu­rel­le Iden­ti­tät der Tami­len begrün­den. Auf der ande­ren Sei­te for­dert und för­dert Sin­ga­pur, die­ser eth­ni­sche und kul­tu­rel­le Schmelz­tie­gel, zumal eine der größ­ten und reichs­ten Finanz­me­tro­po­len der Welt, einen stän­di­gen und inten­si­ven Aus­tausch mit west­li­chen und ande­ren öst­li­chen Phi­lo­so­phi­en, Reli­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen.

Ein Jahrtausende alter Kult im Schatten der Glastürme

Sie sagen: “Wir, die so gering sind, baten um dei­ne Weis­heit. Und du kamst, du Edler! Wir ehren dei­ne herr­li­che Pracht!” Alles das süß ist, alles das gut ist, auf so viel­fäl­ti­ge Wei­se wird er gepreist.

Und sei­ne Gött­lich­keit leuch­tet in sei­ner gren­zen­lo­sen Macht auf, so groß, daß sie bis zum Him­mel hin­auf­reicht. So umgibt sei­nes gött­li­chen Wesens Über­fluss die höchs­ten Rän­ge. Als ein alter Duft­hauch offen­bart sich sei­ne gött­li­che und jugend­li­che Güte: Er wird sagen: “Sei von dei­ner Furcht befreit. Ich weiß, war­um du gekom­men bist.”

Die­se von Lie­be getränk­ten Wor­te neh­men kein Ende. Ein dunk­ler Oze­an umgibt die­se Erde und er wird dir allein in aller Herr­lich­keit erschei­nen, wenn er dir sein kost­ba­res Geschenk ver­leiht!

Aus­zug aus dem Schlüs­sel­text des Murugan-Kults, dem “Tir­um­u­rukāṟṟup­paṭai” des alt­in­di­schen Dich­ters Nak­ki­rar

An Thai­pu­sam tritt die­ser Kon­trast offen zu Tage: Die Tami­len fei­ern die­ses Fest jedes Jahr zum Voll­mond des Monats Thai, um dem Gott Murugan, einer zen­tra­len Figur ihrer hin­du­is­tisch-shi­vais­tisch gepräg­ten Reli­gi­on, zu hul­di­gen. In der Legen­de der Tami­len baten die Devas, die nie­de­ren Göt­ter des hin­du­is­ti­schen Poly­the­is­mus, Shi­va um Bei­stand, der sie von der Pla­ge der dämo­ni­schen Asuras unter ihrem Anfüh­rer Sur­a­pad­man befrei­en soll­te. Shi­va war von ihren Gebe­ten so ergrif­fen, daß er sei­nen Sohn Murugan sand­te, der auf einem sil­ber­nen Streit­wa­gen erschien, mit einem gol­de­nen Speer bewaff­net ins Gefecht gegen die Asuras zog und schließ­lich über das Böse tri­um­phier­te. Anschlie­ßend sei er sei­nen Anhän­gern über und über mit Bril­lan­ten und Juwe­len geschmückt erschie­nen, die ihn fort­an für sei­nen Mut, sei­ne Tugend­haf­tig­keit, aber auch Schön­heit und sei­ne Jugend ver­eh­ren. Daher heißt der Got­tes­sohn bei den Tami­len schlicht Murugan, “der Jugend­li­che”, wäh­rend er andern­orts als Skan­da oder Sub­ra­ma­ni­am bekannt ist.

Den Tami­len gilt Murugan an güti­ger und barm­her­zi­ger Gott, der ihre Für­bit­ten erhört und ihre Wün­sche erfüllt. An Thai­pu­sam rufen sie ihn im Gelöb­nis an, um für kran­ke oder Not lei­den­de Fami­li­en­mit­glie­der zu bit­ten und als Zei­chen ihrer Ver­eh­rung und ihres Danks sich selbst zu kas­tei­en. Der gesam­te Monat Thai ist der spi­ri­tu­el­len Vor­be­rei­tung auf den Opfer­gang gewid­met: Inten­si­ves Gebet, Zöli­bat und die Beschrän­kung auf ein vege­ta­ri­sches Gericht pro Tag rei­ni­gen den Kör­per des Buß­fer­ti­gen für die bevor­ste­hen­de Zere­mo­nie. Der stän­di­ge Gedan­ke an Murugan und sei­ne Hel­den­ta­ten bestimmt die Wochen vor Thai­pu­sam, ehe in den letz­ten 24 Stun­den das Fas­ten inten­si­viert wird und am kom­men­den Mor­gen das Fest mit einer lan­gen und müh­sa­men Pro­zes­sio­nen sei­nen Höhe­punkt erreicht.

Ehe die Prozession beginnt, werden die Opfergaben, vor allem Milch und Limetten, geweiht.

Ehe die Pro­zes­si­on beginnt, wer­den die Opfer­ga­ben, vor allem Milch und Limet­ten, geweiht.

Noch vor Son­nen­auf­gang zie­hen die Gläu­bi­gen mit ihren Fami­li­en zum Sri Sri­ni­va­sa Per­um­al-Tem­pel in der Ser­an­goon Road im Stadt­teil Litt­le India, wo sie sich zusam­men mit den ande­ren Buß­fer­ti­gen auf die kom­men­de Pro­zes­si­on vor­be­rei­ten. Gemein­sam mit ihren Ver­wand­ten und Freun­den schmü­cken sie den Tem­pel mit Unmen­gen gel­ber, roter und vio­let­ter Blü­ten, brin­gen Milch und Limet­ten als Opfer dar und stim­men sich mit berau­schen­den Trom­mel­rhyth­men auf das eksta­ti­sche Ereig­nis ein. Frau­en, Män­ner, aber auch Kin­der opfern an Thai­pu­sam ihr Haar. Dann rei­ben sie ihre kahl gescho­re­nen Köp­fe mit Kur­ku­ma ein, das vor der sen­gen­den Son­ne, aber auch Juck­reiz und Ent­zün­dun­gen schüt­zen soll. Unter den Bli­cken der unend­lich vie­len Göt­zen, wel­che sogar den schwer in der Mor­gen­luft lie­gen­den Weih­rauch zu durch­drin­gen schei­nen, legen sie hier ihre farb­fro­he Fest­klei­dung an. Die gelb-oran­gen Lei­nen­tü­cher, die oft nicht mehr als nur die Hüf­ten und Schen­kel bede­cken, sol­len Beschei­den­heit und Demut demons­trie­ren, der Ein­fach­heit Murugans hul­di­gen. Zur Erin­ne­rung an die Ver­gäng­lich­keit des Lebens bestäu­ben sie ihre Gesich­ter und Kör­per mit Asche, sodaß man­che von ihnen im dich­ten Weih­rauch wie sche­men­haf­te Geis­ter erschei­nen.

Wie jedes hinduistische Fest wird auch Thaipusam mit viel Blumenschmuck begangen.

Wie jedes hin­du­is­ti­sche Fest wird auch Thai­pu­sam mit viel Blu­men­schmuck began­gen.

Wenn Leib und See­le auf die­se Wei­se gerei­nigt und für den kilo­me­ter­lan­gen Marsch vor­be­rei­tet sind, legen die Gläu­bi­gen ihre Bür­den an, die sie anschlie­ßend zum Sri Thandayut­ha­pa­ni-Tem­pel tra­gen. Die­se Kava­di – wört­lich: ein Opfer mit jedem Schritt – wer­den in ver­schie­de­nen Grö­ßen getra­gen, wobei je nach Aus­maß der Kas­tei­ung und Kom­ple­xi­tät der Auf­bau­ten die Hil­fe eini­ger Ange­hö­ri­ger und viel Zeit erfor­der­lich ist. Man sieht Män­ner und Frau­en gedul­dig aus­har­ren, wäh­rend ihre Kör­per nach und nach durch­bohrt, wäh­rend immer mehr Tei­le ihres gol­de­nen Har­nischs aus Nadeln und Spie­ßen ange­legt und geschmückt wer­den. Dabei wer­den die Bür­den je nach Maß der damit ver­bun­de­nen Für­bit­ten an Murugan gewählt: Für ein schwer kran­kes Fami­li­en­mit­glied wird dem­nach ein grö­ße­res Opfer ertra­gen als für Hil­fe in einer finan­zi­el­len Not­la­ge. So besteht eine ein­fa­che Form des Kava­di aus einem halb­kreis­för­mi­gen, stäh­ler­nen oder höl­zer­nen Rah­men, der mit Stä­ben zum Abstüt­zen auf der Schul­ter ver­se­hen und über und über mit Blu­men und Pfau­en­fe­dern deko­riert ist. Man­che von ihnen, Frau­en wie Män­ner, besie­geln das Mau­nam, ihr hei­li­ges Schwei­ge­ge­lüb­de, mit schar­fen Sil­ber­spie­ßen, die sie durch ihre Zun­gen und Wan­gen boh­ren.

Dahin­ge­gen tra­gen vie­le Frau­en und man­che der Män­ner, die auf die kör­per­li­che Pein ver­zich­ten wol­len, auf ihren Köp­fen oder an einem Joch das Pal­kud­dam, Milch­krü­ge und Blu­men – immer dar­auf bedacht, kei­nen Trop­fen zu ver­schüt­ten. Ande­re bege­hen den Weg zum Sri Thandayut­ha­pa­ni-Tem­pel mit Nagel­schu­hen oder durch­ste­chen ihren Rücken mit unzäh­li­gen Haken, um dar­an kunst­voll gefer­tig­te Anhän­ger oder Limet­ten, das Sym­bol der Rei­ni­gung, zu befes­ti­gen. Wer eine grö­ße­re Last auf sich neh­men will, um für eine drin­gen­de­re Sache zu bit­ten, zieht an die­sen Haken die Abbil­der ver­schie­de­ner Göt­ter in einer schmerz­haf­ten Mons­tranz über die gesam­te Stre­cke.

Einem Anhänger Murugans wird das Vel Kavadi angelegt.

Einem Anhän­ger Murugans wird das Vel Kava­di ange­legt.

Dahin­ge­gen neh­men die lang­jäh­ri­gen Teil­neh­mer häu­fig den größ­ten und auch präch­tigs­ten der Kava­di, das bis zu vier­zig Kilo­gramm schwe­re Vel Kava­di auf sich. Sie las­sen ihre Haut mit 108 sil­ber­nen oder gol­de­nen Vel, dem sym­bo­li­schen Speer Murugans, durch­boh­ren, an denen wie­der­um ein gol­de­nes Geschirr ange­bracht wird, auf dem ein kost­ba­rer, bis zu zwei Meter auf­ra­gen­der, reich mit Gold, Blu­men und Pfau­en­fe­dern geschmück­ter Altar thront. Oft­mals sind die­se Vel Kava­di mit Federn und Schar­nie­ren aus­ge­stat­tet, die mit jedem Schritt den Feder­kranz nach außen auf­klap­pen, das Got­tes­bild offen­ba­ren und dabei die Nadeln etwas tie­fer in der Haut ver­sen­ken.

Auch bei die­sen größ­ten aller Kava­di kann man unter­schied­lich reich­hal­ti­gen Schmuck beob­ach­ten: Man­che Teil­neh­mer befes­ti­gen dar­an unzäh­li­ge Glöck­chen, schil­lern­de Gold­pla­ket­ten und Wim­pel mit gepunz­ten Moti­ven, die bei jeder Bewe­gung klin­geln und schel­len. Ande­re ver­zich­ten auf sol­chen Über­fluss und trei­ben sich lie­ber noch einen wei­te­ren Spieß durch die Wan­gen. Obgleich die tami­li­sche Gold- und Sil­ber­schmie­de­kunst immer aus­ge­feil­te­re Kava­di her­vor­ge­bracht hat, die dann oft­mals als Fami­li­en­schatz gehü­tet und von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on wei­ter­ge­reicht wer­den, sieht man in Sin­ga­purs Stra­ßen, daß die Moder­ni­sie­rung auch an Thai­pu­sam nicht spur­los vor­bei­ging. Denn im Selbst­bau wer­den Flü­gel­schrau­ben, Win­kel­stü­cke, Kabel­bin­der und ande­res Mate­ri­al aus dem Bau­markt genutzt; und eben­so wie all die Gold­or­na­men­te, schmü­cken mitt­ler­wei­le auch indus­tri­ell her­ge­stell­te Tiger­print-Stof­fe und Plas­tik­blu­men die Kava­di.

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Ein Fest, das nur am Rande stattfindet

Thai­pu­sam mag der Höhe­punkt im tami­li­schen Kalen­der sein, doch in Sin­ga­pur neh­men nur weni­ge der mehr als fünf Mil­lio­nen Ein­woh­ner davon Notiz. Im Schmelz­tie­gel der Kul­tu­ren koexis­tie­ren so vie­le unter­schied­li­che Reli­gio­nen und Kul­te, daß selbst die Sin­ga­pu­rer leicht den Über­blick ver­lie­ren. Denn der Stadt­staat an der Süd­spit­ze der malai­ischen Halb­in­sel ver­zeich­net die größ­te reli­giö­se Viel­falt der Welt: Ein Drit­tel der Ein­woh­ner sind Bud­dhis­ten, 18% christ­li­chen, 15% mus­li­mi­schen Glau­bens. Jeder zehn­te Sin­ga­pu­rer bekennt sich zum Tao­is­mus und nur fünf Pro­zent der Ein­woh­ner sind gläu­bi­ge Hin­dus, von denen wie­der­um weni­ger als die Hälf­te den Murugan-Kult zele­briert. So ver­deut­licht ein Spa­zier­gang durch Chi­na­town und über die South Bridge Street die bei­spiel­lo­se Reli­gi­ons­dich­te bei­spiel­haft: Wer am hin­du­is­ti­schen Sri Lay­an Sithi Vina­ya­gar-Tem­pel los­geht, gelangt schnell zu einem der wich­tigs­ten bud­dhis­ti­schen Stät­ten, dem Bud­dha Tooth Relic Temp­le, der wie­der­um nur einen Stein­wurf von der Mas­jid Jamae-Moschee ent­fernt ist. In direk­ter Nach­bar­schaft befin­den sich fer­ner der Sri Mariam­man- und der tao­is­ti­sche Thi­an Hock Keng-Tem­pel – und wer noch ein wenig wei­ter fla­nie­ren möch­te, gelangt schnell zum Silat Road Sikh Temp­le sowie fünf­zehn Kir­chen und Gemein­den ver­schie­de­ner christ­li­cher Kon­fes­sio­nen.

Junge Männer auf dem Weg zum Sri Thandayuthapani-Tempel, wo sie ihre Freunde und Angehörige treffen.

Jun­ge Män­ner auf dem Weg zum Sri Thandayut­ha­pa­ni-Tem­pel, wo sie ihre Freun­de und Ange­hö­ri­ge tref­fen.

In dem engen Mit­ein­an­der der Reli­gio­nen kann man leicht den Über­blick ver­lie­ren, zumal die meis­ten Sin­ga­pu­rer mit ihrem eige­nen All­tag, ihren eige­nen Kul­tur genug beschäf­tigt sind. Ein jun­ger Mann indi­scher Her­kunft berich­tet mir, daß er Mus­lim sei, daher mit dem Fest nichts anfan­gen kön­ne. Thai­pu­sam sei zwar ein wich­ti­ger Teil der Sin­ga­pu­rer Kul­tur, aber er selbst gehe der Pro­zes­si­on mög­lichst aus dem Weg. Glück­li­cher­wei­se wür­den die weit­räu­mi­gen Stra­ßen­sper­ren in Radio und Zei­tung ange­kün­digt, sodaß er sich dar­auf ein­stel­len kön­ne, doch sähen man­che Sin­ga­pu­rer den Grund für das all­jähr­li­che Ver­kehrs­cha­os mit Unver­ständ­nis. So klein doch der Anteil der Bevöl­ke­rung sei, die das Fest fei­ern, soll­ten doch mehr Leu­te dar­über Bescheid wis­sen und auf die­sen kul­tu­rel­len Schatz auch stolz sein kön­nen, selbst wenn sie kein Teil davon sind.

Auf die Fra­ge, wel­ches Inter­es­se ihn mit Thai­pu­sam ver­bin­de, ant­wor­tet mir der jun­ge, chi­ne­si­sche Bud­dhist Luo Yi, der heu­te eben­falls zum Tem­pel gekom­men ist, daß er hier sei­nen Freund Sara­van­an anfeu­ern wol­le. Der from­me Hin­du habe bereits an vie­len ver­schie­de­nen Zere­mo­ni­en teil­ge­nom­men. Heu­te trägt er ein mit­tel­gro­ßes Kava­di, um für die Gesund­heit sei­ner Groß­mut­ter zu bit­ten. Yi fin­det das Spek­ta­kel span­nend, wenn auch selt­sam. Er hät­te zwar Sor­ge vor blei­ben­den Nar­ben, kann aber ver­ste­hen, daß sein Freund die­ses Risi­ko auf sich nimmt. Sara­van­an ver­si­chert mir indes, daß man kei­ne sicht­ba­ren Spu­ren davon­tra­ge. Die Wun­den sei­en schmerz­los, selbst die an Zun­ge und Wan­gen, sodaß er das Kava­di nicht als Last, aber als Zei­chen der Ver­eh­rung Murugans anse­he. Er habe ein­zig das Ziel vor Augen, freue sich aber auch das gro­ße Abend­essen, das sein Onkel zu sei­nen Ehren aus­rich­ten wird.

Gegen neun Uhr setzt sich die Pro­zes­si­on in Gang. Nach und nach ver­las­sen die Gläu­bi­gen mit ihren Ange­hö­ri­gen denS­ri Sri­ni­va­si Per­um­al-Tem­pel, wer­den von Ver­kehrs­po­li­zis­ten auf die abge­sperr­te Außen­spur der Ser­an­goon Road gelotst und begin­nen von dort an den Opfer­marsch durch die Innen­stadt Sin­ga­purs. Ent­lang des täg­li­chen Groß­stadt­ver­kehrs bah­nen sie sich ihren drei Kilo­me­ter lan­gen Weg zum Sri Thandayut­ha­pa­ni-Tem­pel, jenem hei­li­gen Ort Sin­ga­purs, der Murugan selbst geweiht ist. Hier wer­den sie nach dem lan­gen Fest­zug vor dem Hei­lig­tum ein­keh­ren, ihre Gebe­te spre­chen und ihr Opfer ein­lö­sen.

Der prunkvolle Schmuck eines insgesamt zwei Meter hohen Vel Kavadi.

Der prunk­vol­le Schmuck eines ins­ge­samt zwei Meter hohen Vel Kava­di.

Doch der Weg dahin ist lang. Ent­lang der schnur­ge­ra­den Ser­an­goon Road, vor­bei an den Schau­lus­ti­gen von Litt­le India, über die kreu­zen­den Ver­kehrs­adern hin­weg kriecht der Strom der Murugan-Anhän­ger, biegt dann in die geschäf­ti­ge Orchard Road, wo er die schil­lern­den Fas­sa­den der rie­si­gen Shop­ping Malls pas­siert und schließ­lich das letz­te Teil­stück der Cle­men­ceau Ave­nue bezwingt, um end­lich in Sri Thandayut­ha­pa­ni in der Tank Road anzu­ge­lan­gen.

Auf ihrem Opfer­marsch sin­gen die Kava­di-Trä­ger und ihre Fami­li­en Hym­nen auf Murugan. Die Ange­hö­ri­gen spie­len Trom­meln und Schel­len­krän­ze – oder heu­ern pro­fes­sio­nel­le Thai­pu­sam-Musi­ker an, die den Büßer auf sei­nem gesam­ten Weg beglei­ten. Immer wie­der stim­men die Mas­sen den eksta­ti­schen Gesang an: “Vel, vel, vetri vel” – der Speer, der Speer, der sieg­rei­che Speer –, der mit jeder Wie­der­ho­lung an Inten­si­tät gewinnt. So stei­gern sich die Anhän­ger in Tran­ce, die ihre Schmer­zen ver­ges­sen lässt und sie Murugan näher bringt. Gele­gent­lich hal­ten sie an, las­sen die Spie­ße und Spee­re in schüt­teln­den Bewe­gun­gen noch tie­fer in ihrer Haut ein­drin­gen, rei­ben ihre Kör­per mit Limet­ten ein oder ver­stär­ken auf ande­re Wei­se ihre Last.
Die schnells­ten Teil­neh­mer legen die­sen Opfer­marsch in ein bis zwei Stun­den zurück. Wer jedoch einen der grö­ße­ren Kava­di trägt, wer gar auf Nagel­soh­len läuft, kommt oft erst nach vie­len Stun­den erschöpft und buß­fer­tig am Ziel an. Doch kei­ner gibt auf, denn nur die Ankunft im Tem­pel stellt das erfolg­rei­che Bestehen ihrer har­ten Prü­fung dar.

Nach dem Ende der Prozession harrt ein Kavadi-Träger aus, bis er vollständig von seiner Last befreit ist.

Nach dem Ende der Pro­zes­si­on harrt ein Kava­di-Trä­ger aus, bis er voll­stän­dig von sei­ner Last befreit ist.

Am Ende ihrer Pro­zes­si­on tre­ten sie vor die sil­ber­ne Murugan-Sta­tue, ver­nei­gen sich vor der Gott­heit und spre­chen ihr Gebet. Sie begie­ßen ihn und sei­nen Speer mit einem stän­di­gen Milch­strom, den die Tem­pel­pries­ter, wenn nötig, so lan­ge auf­recht erhal­ten, bis der nächs­te Gläu­bi­ge mit dem nächs­ten Krug kommt. Nun ist alles vor­bei. Manch ein Teil­neh­mer bricht nach all den Stra­pa­zen ent­kräf­tet zusam­men, muss von her­bei­ei­len­den Sani­tä­tern ver­sorgt wer­den. Doch die meis­ten haben den Marsch durch­ge­stan­den, sind erschöpft, aber glück­lich, daß sie die­se Her­aus­for­de­rung gemeis­tert haben. Nun wer­den die Kava­dis wie­der abge­baut, wer­den die Spie­ße und Haken wie­der gezo­gen, die Zun­gen von den Nadeln befreit. Die meis­ten von ihnen ver­blei­ben unter dem anhal­ten­den Trom­mel- und Trom­pe­ten-Lärm in tran­ce­ar­ti­ger Ent­zü­ckung, wir­ken wie abwe­send und las­sen ihre Ange­hö­ri­gen gewäh­ren, die vor­sich­tig einen Spieß nach dem ande­ren ent­fer­nen. Blut fließt dabei wie durch ein Wun­der nicht. Die Hin­dus beteu­ern, daß dar­an der schüt­zen­de Segen Murugans zu erken­nen sei – andern­falls wur­de die Süh­ne nicht gewährt und das Opfer war ver­ge­bens.
Hier kön­nen sie sich mit Früch­ten und Honig stär­ken, kön­nen sich nie­der­las­sen und aus­ru­hen. Über­all lie­gen sie erschöpft am Boden, schla­fen oder war­ten auf ihre Brü­der und Schwes­tern, die noch auf dem Weg sind. Man trifft sich zum Tee und zum Gespräch, ver­ab­re­det sich für den Abend, geht heim und beginnt mit der Zube­rei­tung des Fest­essens.

Thaipusam ist vorbei.

Thai­pu­sam ist vor­bei.

In weni­gen Stun­den wird sich der Tem­pel geelert, wer­den die Pries­ter den letz­ten Krug Milch über der gro­ßen Murugan-Sta­tue ent­leert haben. Bei Son­nen­un­ter­gang ist das Fest vor­bei und bereits am nächs­ten Tag gehen die Ein­woh­ner Sin­ga­purs, gleich wel­cher Reli­gi­on, gleich wel­cher Kul­tur sie ange­hö­ren wie­der ihren all­täg­li­chen Geschäf­ten nach. Unter­des­sen wer­den die Gas­sen Chi­na­towns fest­lich geschmückt. Über­all wie­gen rote Lam­pi­ons im Wind, Schaf-Figu­ren ste­hen in den Läden, bau­meln an Fens­ter­lä­den und säu­men die brei­te South Bridge Road. In weni­gen Tagen fei­ert die mehr­heit­lich chi­ne­si­sche Bevöl­ke­rung ihr Neu­jahrs­fest. Dann wird Thai­pu­sam schnell wie­der ver­ges­sen sein. Bis zum nächs­ten Jahr, wenn sich die Pro­zes­si­on wie­der durch die Metro­po­le schlän­gelt.

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