Grand Tour

Saudade, Saudade

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Saudade, Saudade

Südamerikas größte Favela wandelt sich: Am Vorabend der Fußball-Weltmeisterschaft dringt die Militärpolizei in Rio de Janeiros berüchtigtes Armenviertel Rocinha vor und sorgt dabei für mehr Angst als Sicherheit.

03. März 2014Matthias aus Rocinha

An der Praça Gene­ral Osório rau­schen die Busse wie emsige Bie­nen über den hei­ßen Asphalt, im Minu­ten­takt hal­ten sie mit quiet­schen­den Rei­fen an der klei­nen Hal­te­stelle, laden träge Pas­sa­giere aus und andere wie­der ein, um dann wie­der eilig über die Magis­trale zu rasen. Allein in Ipa­nema ver­keh­ren sech­zig Linien, außer­halb des klei­nen Strand­vier­tels sind es noch ein­mal etwa tau­send wei­tere, die alle Ecken Rio de Janei­ros mit­ein­an­der ver­bin­den. Lange muss man hier nicht war­ten. Es sei denn, man möchte vom hüb­sche­ren Ipa­nema in die nahe­ge­le­gene Favela Rocinha fah­ren – der ein­zige Bus, der diese Stre­cke fährt, hatte an die­sem Mor­gen vier­zig Minu­ten Verspätung.

Ich komme mit einem unge­dul­dig war­ten­den Mann ins Gespräch, der heute ebenso wie ich in die Rocinha fah­ren möchte. Wäh­rend ein Bus nach dem ande­ren an uns vor­bei­rast, aber eben die Num­mer 539 ein­fach nicht erschei­nen möchte, berich­tet er mir, daß eine sol­che Ver­spä­tung seit Tagen und Wochen nicht unge­wöhn­lich sei. Wie die meis­ten Fave­la­be­woh­ner Rios pen­delt auch er tag­ein, tag­aus in eines der Nobel­vier­tel, um hier in einem der vie­len Hotels und Wohn­türme als Por­tier oder Hand­wer­ker zu arbei­ten. Er erzählt mir über sei­nen Job als Wach­mann, über das täg­li­che Ver­kehrs­chaos und seine Hei­mat, die Rocinha.

Allein in die­ser Favela leben 100.000, 180.000 oder 270.000 von ihnen – so genau weiß das nie­mand – und wäh­rend in Ipa­nema gerade ein­mal 40.000 wohl­ha­bende Bra­si­lia­ner behei­ma­tet sind, deren Bedarf an Putz­frauen, Kin­der­mäd­chen und Con­cier­ges unzäh­li­gen Fave­la­dos einen Job sichert, zeigt doch bereits ein solch unschein­ba­res Pro­blem wie eine regu­läre Bus­ver­spä­tung ein­drück­lich auf, wie weit die Kluft zwi­schen den ärms­ten und reichs­ten Bewoh­nern Rio de Janei­ros klafft.

Diese soziale Unge­rech­tig­keit ist weder ein Geheim­nis, noch eine Neu­ig­keit. Bra­si­lien haf­tet der unrühm­li­che Ruf an, zu den Staa­ten mit dem größ­ten gesell­schaft­li­chen Gefälle zu gehö­ren. Die Regie­rung arbei­tet nach Kräf­ten gegen die­sen bit­te­ren Leu­mund, in den letz­ten Jah­ren umso mehr, wo doch bald mit Olym­pia und Fußball-Weltmeisterschaft alle Bli­cke auf die Sport­na­tion Bra­si­lien, aber eben auch auf ihre Gesell­schaft gerich­tet sind. Doch statt eine trag­fä­hige Sozi­al­po­li­tik vor­an­zu­trei­ben, ver­sucht man die gra­vie­ren­den Miss­stände im Gehei­men zu besei­ti­gen: Die Mili­tär­po­li­zei rückt in etli­che Fave­las vor, um sie von den Dro­gen­bos­sen zu befreien, um Recht und Ord­nung wie­der her­zu­stel­len, um sie “zu befrie­den”, wie es im offi­zi­el­len Jar­gon heißt. Im Aus­land wird die Regie­rung dafür gelobt, end­lich an die­sen Zustän­den etwas geän­dert zu haben.

Doch das ist nur eine Dar­le­gung der Ereig­nisse, der sich hier kaum jemand anschlie­ßen möchte. Rios Fave­las, so kla­gen ihre Bewoh­ner, seien gerade erst durch das rück­sichts­lose Vor­ge­hen des Staa­tes und sei­ner Schock­trup­pen unsi­cher gewor­den. Sie fürch­ten nicht die Dro­gen­gangs, sie fürch­ten vor allem die Mili­tär­po­li­zei. Unbe­schol­tene Bür­ger wür­den bedroht oder miss­han­delt, ent­führt oder gar erschos­sen. Die Regie­rung, so ihre ein­hel­lige Über­zeu­gung, ver­trete nur die Inter­es­sen eines klei­nen, wohl­ha­ben­de­ren Teils der Bevöl­ke­rung. Sie seien auf sich allein gestellt, gegen Staat und Polizei.

Jeder dritte Bewoh­ner Rios lebt in einem der hun­der­ten Armuts­vier­tel, ist somit von die­sen Ereig­nis­sen betrof­fen. Außer­halb Süd­ame­ri­kas ist kaum etwas über ihre Lebens­rea­li­tät bekannt: Fave­las gel­ten als No-Go-Areas, die unter der Gei­ßel schwer bewaff­ne­ter Kri­mi­nel­ler stün­den. Wäh­rend dies oft­mals noch die bit­tere Wirk­lich­keit dar­stellt, weiß kaum jemand, daß einige die­ser stark ver­dich­te­ten Bal­lungs­räume nicht etwa durch Ban­den­kri­mi­na­li­tät, son­dern ein star­kes Gemein­schafts­ge­fühl geprägt sind. Hier wer­den unter größ­ten Anstren­gun­gen eigene und gemein­same Frei­räume gestal­tet und nach Kräf­ten verteidigt.

Wer die krasse soziale Ungleich­heit von sei­ner Schat­ten­seite aus ken­nen­ler­nen, wer die­ser Schick­sals­ge­mein­schaft nahe­kom­men möchte, so dachte ich mir, muss in die Rocinha gehen. Die Hügel­sied­lung ist zwar nur eine Favela unter hun­der­ten, doch gleicht Süd­ame­ri­kas größ­tes Armuts­vier­tel einer Stadt in der Stadt, einem abge­schie­de­nen Ort mit einer eige­nen Gesell­schaft und eige­nen Gesetzen.

So war­te­ten wir also, der ältere Herr und ich, gedul­dig auf unse­ren Bus und als wir dann end­lich rat­ternd über die Stra­ßen Ipa­ne­mas zockel­ten, ins benach­barte Leb­lon und über die mäan­dernde Rua Sér­gio Porto unge­bremst den Berg hin­auf­ras­ten, zogen auch der Wohl­stand und Kom­fort sicht­bar an uns vor­bei: Je grö­ßer das Gefälle, desto bau­fäl­li­ger wur­den die Gebäude, desto holp­ri­ger die Straße und umso mehr nahm auch der Ver­kehr ab, bis schließ­lich der Hang im grü­nen Blatt­werk ver­sank. Nach eini­gen Minu­ten Ruckel­fahrt hatte der Bus dann end­lich den Hügel erklom­men, die ers­ten not­dürf­tig gezie­gel­ten Bara­cken tauch­ten auf, wir waren da, am höchs­ten Punkt der Rocinha.

Ein seltener Anblick: Die Straße ist frei. Gleich kommt wieder ein Mototaxi den Berg heraufgerast.

Ein sel­te­ner Anblick: Die Straße ist frei. Gleich kommt wie­der ein Moto­taxi den Berg heraufgerast.

Im Tru­bel untergegangen

Als ich den Bus ver­ließ, trat ich in eine andere, eine hek­ti­sche, unge­ord­nete Welt. Äch­zende Klein­las­ter­ko­lon­nen schlepp­ten sich durch die enge Estrada da Gávea, wäh­rend das schrille Hupen der vie­len Motor­rä­der die schwüle, die­sel­schwere Luft durch­drang, die nur gele­gent­lich von einer fri­schen Brise aus den Gas­sen geweht wurde. Hier war ich nun gestran­det, an einem ruhe­lo­sen Ort, der mit sei­nen man­nig­fal­ti­gen Rei­zen auf den über­for­der­ten Besu­cher ein­dringt, einen nichts­ah­nen­den Besu­cher wie mich, der nun die Umge­bung ent­geis­ter­ten Bli­ckes nach Ori­en­tie­rung absuchte. Und gerade als ich das hek­ti­sche Trei­ben um mich herum ver­ges­sen, als mich die bra­si­lia­ni­sche Folkolore-Musik eines irgendwo in der Ferne dudeln­den Radios ein­ge­lullt hatte, traf ich den Blick eines mich gleich­gül­tig mus­tern­den Gemü­se­händ­lers, der wohl schon län­ger bemerkt hatte, wie ich, die­ser erstarrte, bereits jetzt ver­lo­rene Fremde, aus den Pas­san­ten­strö­men her­aus­stach, die sich auf dem schma­len Trot­toir an mir vor­bei­sch­o­ben. Und so ver­lo­ren wie ich mich in die­sen kur­zen Sekun­den fühlte, wachte ich jäh aus die­ser Ohn­macht auf und ver­folgte seh­nen­den Bli­ckes den flink hin­ter der Kurve ver­schwin­den­den 539er, ganz so wie der Aben­teu­rer dem Schiff hin­ter­her sieht, das ihn in der Wild­nis absetzte.

Doch alles Seh­nen war zweck­los, der Bus war längst fort, zumal ich ja nicht zufäl­lig in der Rocinha ange­spült, son­dern in dem fes­ten Ent­schluss gekom­men war, hier die andere, weni­ger schöne Seite Rios ken­nen­zu­ler­nen, die am Vor­abend der sport­li­chen Groß­er­eig­nisse unter gro­ßem staat­li­chen Auf­wand vor den Bli­cken der inter­na­tio­na­len Gäste ver­steckt wer­den soll.

Doch davon war zunächst nicht viel zu sehen, hier tobte das Leben. Und das Chaos. Sowohl auf, als auch neben und über den Stra­ßen. Ein undurch­dring­li­ches Geflecht aus Strom– und Tele­fon­ka­beln war wie ein schwar­zes Spin­nen­netz fest mit sei­nen Mas­ten ver­wo­ben und brei­tete sich von dort in die vie­len dunk­len Gas­sen aus, die steil von der Haupt­straße abzweig­ten. Unter die­sem alles durch­drin­gen­den Bal­da­chin toll­ten die Kin­der und schwätz­ten die Erwach­se­nen, immer beob­ach­tet von den her­um­lun­gern­den Hun­den und den vie­len bun­ten Sing­vö­geln, die in ihren Käfi­gen hoch über den Köp­fen der Pas­san­ten auf­ge­regt von Zweig zu Zweig sprangen.

Ich war mit Zez­inho, einem ein­hei­mi­schen Fave­lado ver­ab­re­det, der hier gele­gent­lich Besu­cher emp­fängt, um ihnen das Leben in der Rocinha nahe­zu­brin­gen. Wir tref­fen uns an einem nahe­ge­le­ge­nen Was­ser­pump­werk und nach­dem er mich in der für Bra­si­lia­ner übli­chen über­schwäng­li­chen Art begrüßte, erklärte er mir die ein­zige Regel, die hier für Besu­cher gelte:

“Du kannst foto­gra­fie­ren, was du möch­test, aber nur eines nicht: Die Men­schen sind tabu. Halte deine Kamera nicht in ihre Gesich­ter. Die Rocinha ist kein Zoo. Es gibt Tou­ris­ten­grup­pen, die hier in offe­nen Jeeps durch­fah­ren, als wären sie auf einer Safari, die ihnen die Big Five der Fave­las – Armut, Dreck, Dro­gen, Waf­fen, Gewalt – bie­tet. Das wird hier nicht gern gese­hen. Aber wenn du freund­lich und offen bist, wer­den auch die Leute freund­lich und offen sein.”

Unser Weg führt immer bergab. Nicht überall sieht es so idyllisch aus.

Unser Weg führt immer bergab. Nicht über­all sieht es so idyl­lisch aus.

Ich fragte, ob die Schüsse auf die bei­den Deut­schen, die hier kürz­lich einen Dea­ler foto­gra­fier­ten, auch von die­ser Abnei­gung her­rühr­ten. Zez­inho hatte eine andere Sicht auf die Ange­le­gen­heit: Sie hät­ten sich in einem höher gele­ge­nen, gefähr­li­che­ren Teil der Rocinha auf­ge­hal­ten, wo sie sich nicht ein­fach so ver­irrt haben könn­ten, wo sie viel­leicht nach Dro­gen gesucht haben. Dann hät­ten sie einen Dro­gen­händ­ler foto­gra­fiert, der sie für ver­deckte Ermitt­ler habe hal­ten kön­nen, doch statt die Spei­cher­karte aus­zu­hän­di­gen und damit die Sache zu berei­ni­gen, seien die bei­den Deut­schen geflüch­tet. Sie hät­ten sich der Situa­tion stel­len sol­len, denn in der Rocinha sei Auf­rich­tig­keit ein hohes Gut, mit dem man jeden Streit bei­le­gen könne. “Wer rennt, ist schul­dig”, auch das ist eines der stren­gen Favela-Gesetze. Das war schon die zweite Ver­hal­tens­vor­schrift, an die ich mich unbe­dingt hal­ten wollte.

Die­ser erste Schreck war jedoch schnell ver­flo­gen, als wir durch die Stra­ßen und Gas­sen Rocin­has streif­ten und ich auf dem Weg die Favela und vor allem ihre Bewoh­ner lang­sam ken­nen­lernte. Das Vier­tel erschloss sich mir bald als eine regel­rechte Klein­stadt, ein Mikro­kos­mos, der das Drum­herum der Metro­pole Rio de Janeiro leicht ver­ges­sen ließ. Hier sind 6000 Fir­men und Geschäfte, Ban­ken und Märkte ange­sie­delt, hier küm­mern sich zwei Kli­ni­ken um die Kran­ken, hier infor­mie­ren zwei Radio­sen­der und eine Zei­tung über alles, was die Gemeinde betrifft. Hinzu kom­men Schu­len, Restau­rants, Clubs, Kinos, und eine Biblio­thek – selbst das städ­ti­sche Bal­lett­thea­ter gas­tiert hier mit einer Reihe von Auf­füh­run­gen, über wel­che die offi­zi­elle Web­seite der Favela infor­miert. Im stän­di­gen Auf und Ab des deso­la­ten Bür­ger­steigs pas­sier­ten wir etli­che Gemü­se­händ­ler, Cafés und Werk­stät­ten, kamen schließ­lich auch an einem Fit­ness­stu­dio, einer Box­halle und den die­ser Tage so geschäf­tig arbei­ten­den Instal­la­teu­ren vor­bei, wel­che die Favela nach und nach mit Inter­net und WLAN versorgten.

Rippchen für 2,50€, Rindsbauch für 3,50€ und Rumpsteaks für 7,00€ je Kilogramm.

Ripp­chen für 2,50€, Rinds­bauch für 3,50€ und Rump­steaks für 7,00€ je Kilogramm.

Der Ein­druck, daß es sich hier um einen unwirt­li­chen Slum han­deln soll, mochte nicht so recht auf­kom­men. “Wir leben hier zwar in Armut, aber nicht im Elend”, erklärte mein Beglei­ter und deu­tete auf die Aus­la­gen eines Lebens­mit­tel­händ­lers: Statt ein­zel­ner Waren wur­den hier pralle Essens­pa­kete ver­kauft, deren Inhalt als Monats­ra­tion für ein bis vier Per­so­nen zusam­men­ge­stellt war. Reis, Dosen­ge­müse, Öl, aber auch Süßig­kei­ten und Toi­let­ten­ar­ti­kel. Ein sol­ches Paket sei güns­ti­ger, als alles getrennt zu kau­fen, zumal bei einem durch­schnitt­li­chen Monats­ein­kom­men von etwa zwei– bis drei­hun­dert Euro sol­che ein­ma­li­gen, aber dafür aus­rei­chen­den Groß­ein­käufe für eine strenge Haus­halts­füh­rung unum­gäng­lich sind. Allein Ver­gäng­li­ches wie Fleisch muss geson­dert gekauft wer­den, obgleich des­sen Qua­li­tät frei­lich bei wei­tem nicht mit inner­städ­ti­schen Ange­bo­ten ver­gleich­bar ist.

Auch das Was­ser sei knapp, klagte Zez­inho und erin­nerte noch ein­mal an die Pump­sta­tion, wo wir uns getrof­fen hat­ten. Von dort würde zwar die ganze Favela mit Was­ser belie­fert, doch das rei­che kaum aus. Aller­orts sieht man auf den Dächern der klei­nen Hüt­ten blaue Tanks ste­hen, die zwar wöchent­lich neu befüllt wer­den, aber häu­fig schon am fünf­ten Tag kein Was­ser mehr trü­gen. Dann müsse man sich eben mit Trink­was­ser aus der Fla­sche waschen.

Doch so gering die­ser Lebens­stan­dard sein mag, so emsig kämp­fen die Fave­la­dos für das wenige, das sie haben, und die kleine Hoff­nung auf das, was sich ihnen immer­hin als Mög­lich­keit eröff­net. Dabei kön­nen sie sich aus­nahms­weise auf das Gesetz ver­las­sen, das der Favela Sicher­heit ver­spricht, daß alles, was hier gebaut wird, nicht vom Staat ent­eig­net oder abge­ris­sen wer­den kann. Zwar ist der Bau­grund längst knapp, doch wer ein Dach sein Eigen nennt, ist in der glück­li­chen Lage, sich dort ganz ent­fal­ten zu kön­nen: Hier wird gegrillt, hier wer­den Freunde emp­fan­gen, Hän­ge­mat­ten ange­bracht oder auch nur die fri­sche Wäsche auf­ge­hängt. Oder man ver­kauft sein Dach, damit dort ein ande­rer ein eige­nes Stock­werk bauen kann. Ein kost­ba­res Gut, denn diese Frei­flä­chen sind sehr begehrt: Auf den Anschlag­bret­ter der Rocinha liest man dut­zende Anzei­gen für die­sen unge­wöhn­li­chen Baugrund.

Die engen Gassen werden kaum von den Sonnenstrahlen erreicht.

Die engen Gas­sen wer­den kaum von den Son­nen­strah­len erreicht.

Auf diese Weise wächst die Favela immer wei­ter in die Höhe – nach außen hin däm­men die behörd­li­chen Nut­zungs­pläne jeg­li­che Expan­sion ein. Kreuz und quer ste­hen die Anbau­ten über­ein­an­der, rei­chen wei­ter den Hügel hin­auf oder über­span­nen die engen Gas­sen, die daher oft­mals sehr dun­kel sind. Steile Trep­pen füh­ren durch die beklem­mend schma­len Pas­sa­gen, wo sich Dreck, Müll und Hun­de­kot sam­meln und wo selbst die kleinste Nische noch genutzt wird, um einen Kühl­schrank samt reich­hal­ti­ger Geträn­ke­aus­wahl auf­zu­stel­len – ver­kauft wird gleich nebenan, vom Wohn­zim­mer aus. In die­sen schma­len Durch­läs­sen, die sich auf ver­schlun­ge­nen Wegen zwi­schen den feuch­ten Fas­sa­den win­den, kommt man nicht nur den ande­ren Pas­san­ten, man kommt auch der Favela sehr nah.

Immer wie­der fällt der Blick unwei­ger­lich durch offen ste­hende Fens­ter und Türen in Küchen und Schlaf­zim­mer, auf fla­ckernde Fern­se­her und dudelnde Radios. Unter Wäsche­lei­nen und Vogel­kä­fi­gen hin­durch fin­det man so sei­nen Weg durch die Favela und steht mit einem Mal wie­der auf der beleb­ten Haupt­straße, die sich in Ser­pen­ti­nen am Hügel hin­auf schlän­gelt. Ich wun­derte mich, wie man hier den Über­blick behal­ten könne, ob es eigent­lich für all die Gas­sen Namen oder gar ein leis­tungs­fä­hi­ges Adress­sys­tem gebe. Zez­inho erzählte mir von den Post­bo­ten der Rocinha, die jeden Win­kel ken­nen wür­den. Die Post würde an eini­gen zen­tra­len Orten, meist in Geschäf­ten oder Cafés gesam­melt, und von dort zuge­stellt wer­den. Ver­ab­re­dun­gen wür­den etwa “vor dem roten Haus, das mit­tig in der Gasse steht, die bei der Bus­hal­te­stelle von der Rua Dois abgeht” vereinbart.

Rocinha: siche­rer als Ipanema

Man kann sich leicht vor­stel­len, wie Dro­gen­dea­ler und Poli­zis­ten ein­an­der in die­sem immen­sen Irr­gar­ten auf­lau­ern, nach­stel­len und jagen, wie hier im Schutze der Nacht die Schüsse durch die Gas­sen gel­len und erst am nächs­ten Mor­gen Blut­spu­ren – oder gar Lei­chen – davon zeu­gen, wel­che Kämpfe hier statt­ge­fun­den haben müs­sen. Ein bes­se­res Ver­steck für Dea­ler und ihre mafiö­sen Hin­ter­män­ner kann man sich kaum vor­stel­len – in der Tat, diese Ban­den sind hier noch prä­sent, wenn gleich man sie erst suchen muss, ehe man sie zu Gesicht bekommt. Nach­dem der ört­li­che Dro­gen­boss Antô­nio “Nem” Fran­cisco Bon­fim Lopes vor drei Jah­ren fest­ge­nom­men wurde, habe sich die Lage zwar ent­spannt. Dafür sei seit­dem der Ein­fluss der para­mi­li­tä­ri­schen Uni­dade de Polí­cia Paci­fi­ca­dora (UPP) umso mehr gewachsen.

Die UPP wurde 2008 zu dem Zweck gegrün­det, die Fave­las im Bun­des­staat Rio de Janeiro nach und nach zu “befrie­den”, wie es im offi­zi­el­len Jar­gon heißt”, das heißt, sie der Hand kri­mi­nel­ler Ban­den zu ent­rei­ßen und Recht und Ord­nung wie­der her­zu­stel­len. Mit dem schritt­wei­sen Abbau des Batal­hão de Ope­ra­ções Poli­ciais Espe­ciais (BOPA), einer Spe­zi­al­ein­heit mit reich­lich Erfah­rung in der urba­nen Kriegs­füh­rung, wird diese etwas weni­ger stark bewaff­nete Miliz kon­ti­nu­ier­lich aus­ge­baut, um bis zur dies­jäh­ri­gen FIFA-Weltmeisterschaft auf 12.500 Män­ner und Frauen anzuwachsen.

Denn natür­lich möch­ten sich Stadt und Land von ihrer bes­ten Seite prä­sen­tie­ren, als gute Gast­ge­ber in Erin­ne­rung blei­ben. Und da ste­hen die Fave­las im Wege. Von hier geht die Kri­mi­na­li­tät gegen Tou­ris­ten aus: Dieb­stahl, Raub und bewaff­ne­ter Über­fall an den belieb­ten Strän­den und in der Innen­stadt sind ein altes, schwer wie­gen­des Pro­blem, das die Regie­rung nun ein für alle­mal besei­ti­gen möchte. So ist etwa die kilo­me­ter­lange Strand­pro­me­nade der Copaca­bana die­ser Tage von so vie­len Poli­zis­ten gesäumt, daß man jeden Moment die Ankunft eines gas­tie­ren­den Staats­ober­haupts erwar­tet. Doch das allein reicht nicht aus und so will man das Pro­blem auch bei der Wur­zel ange­hen: Auch um gegen die bewaff­ne­ten Jugend­ban­den vor­zu­ge­hen, rücken die Ein­hei­ten der UPP in die Fave­las ein und kön­nen auch den ein oder ande­ren Erfolg ver­zeich­nen: Dro­gen­bosse und Dea­ler wer­den fest­ge­nom­men, Waf­fen beschlag­nahmt, Dro­gen kon­fis­ziert. Der Staat gewinnt wie­der die Kon­trolle über diese Sied­lun­gen, doch oft­mals nur zu einem zwei­fel­haf­ten Preis.

Denn weder sind die Fave­las auf diese kri­mi­nel­len Struk­tu­ren gegrün­det, noch ist jeder Fave­lado ein Gangs­ter. So heißt es, daß Nem etwa 700 Gefolgs­leute hatte – für ein Slum der Größe Wies­ba­dens wohl kaum genü­gend, um ihn glaub­haft als einen Ort des aus­ufern­den Ver­bre­chens dar­stel­len zu kön­nen. Den­noch sehen die Regie­rung und die UPP die Rocinha als eine Keim­zelle der Kri­mi­na­li­tät an, die von einem dich­ten Netz aus Kom­pli­zen und Mit­wis­sern getra­gen würde. Unter die­sem regel­rech­ten Gene­ral­ver­dacht ste­hen daher vor allem die vie­len ein­fa­chen Arbei­ter und Ange­stell­ten, die hier nur des­we­gen leben, weil Armut und Her­kunft in der bra­si­lia­ni­schen Gesell­schaft unüber­wind­bare Stig­mata dar­stel­len. Denn auch in der brei­ten Öffent­lich­keit haf­tet den Bewoh­nern der Fave­las der Ruf an, mit den Ban­den und Kar­tel­len ver­strickt zu sein, von ihnen zu pro­fi­tie­ren oder wenigs­tens in ihrem Umfeld einen Freund oder ent­fern­ten Cou­sin zu haben, den sie schwei­gend unter­stütz­ten. Sie füh­len sich zu Unrecht ver­däch­tigt und ver­folgt, doch ste­hen sie macht­los der Regie­rung und der UPP gegen­über, die diese Rhe­to­rik nutzt, um ihr rigo­ro­ses Vor­ge­hen in der Rocinha und etli­chen ande­ren Fave­las zu rechtfertigen.

In deren Dar­stel­lung seien Fave­las gott­ver­las­sene Orte, in denen Unrecht und Chaos herrsch­ten, wo die Gefahr für Leib und Leben zum bit­te­ren All­tag gehöre. Die­ses unrühm­li­che Anse­hen hat sich längst auch im Aus­land ver­brei­tet und ist auch hier zu der vor­herr­schen­den Les­art gewor­den. Filme wie “City of God” haben hierzu ihr Übri­ges getan und das Bild der gewalt­be­herrsch­ten Elends­vier­tel wei­ter gefes­tigt. Hand auf Herz: Hät­ten Sie die­ser Dar­stel­lung wider­spro­chen? Auch ich hatte kaum daran gezwei­felt, ehe ich Rocinha besuchte.

Denn pikan­ter­weise ist das Gegen­teil der Fall, jeden­falls wenn man den Bewoh­nern glau­ben mag. Zez­inho erklärt mir, daß hier Kri­mi­na­li­tät ebenso abge­lehnt würde wie andern­orts auch. Strenge Gesetz ver­bö­ten alle Ver­bre­chen vom Dieb­stahl bis zum Tot­schlag – doch nicht etwa der Staat und seine Poli­zei, son­dern die Bewoh­ner der Favela und mit ihnen sogar die Dro­gen­gangs küm­mer­ten sich darum, daß diese Gesetze auch ein­ge­hal­ten wür­den. Ob sol­che Ver­bre­chen wie so oft in süd­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern auch in der Rocinha in Lynch­jus­tiz geahn­det wür­den, konnte ich aus Man­gel an glaub­haf­ten, neu­tra­len Quel­len nicht in Erfah­rung brin­gen. Das Ver­trauen auf den Rechts­staat ist auch in Rio de Janeiro stark geschwächt. Sowohl auf Sei­ten der Poli­zei als auch der Bevöl­ke­rung kommt es immer wie­der zur Selbst­jus­tiz. Zuletzt ging die erschre­ckende Nach­richt eines Lynch­mobs gegen einen Schieds­rich­ter um die Welt, der in Rios berühm­tem Maracanã-Stadion ein Amateurliga-Spiel pfiff.Denn was alle Fave­la­dos ver­eint, ist die Sorge, daß jedes noch so kleine Ver­ge­hen zu wei­te­ren Auf­räum­ak­tio­nen der UPP füh­ren könnte. Und in der Tat, Rocinha wirkte auf mich so sicher wie jede deut­sche Groß­stadt. Viel­leicht war ich naiv, meine Kamera offen umher­zu­tra­gen, und viel­leicht war ich auch gele­gent­lich zu ver­trau­ens­se­lig, gut sicht­bar mit mei­nem Smart­phone zu han­tie­ren. Wo doch von allen Sei­ten die War­nung aus­ge­spro­chen, in Rio seine Wert­sa­chen daheim zu las­sen, und dann stets der Rat­schlag erteilt wird, immer ein paar Reals allein für den Zweck dabei zu haben, um bei einem Über­fall genü­gend Beute zu bie­ten, um nicht von einem frus­trier­ten 15-Jährigen erschos­sen zu wer­den. So begeg­nete ich tat­säch­lich in Ipa­nema einige Male Grup­pen von Jugend­li­chen, die mich und meine Tasche auf­fäl­lig mus­ter­ten, und ein­mal wäre ich unweit des berühm­ten Stran­des viel­leicht sogar Opfer eines Über­falls durch mich schon auf­fäl­lig dicht ver­fol­gen­der Kin­der gewor­den, wenn nicht in die­sem Moment eine Poli­zei­streife durch die Straße gefah­ren wäre.

Doch hier in der Favela wollte sich die­ser Ein­druck nicht so recht auf­drän­gen. In der Rocinha wurde ich nicht etwa miß­trau­isch beäugt, son­dern so oft mit einem freund­li­chen und offe­nen Lächeln bedacht, daß ich, der nichts ande­res als die kühle Ber­li­ner Igno­ranz gewohnt war, bald schon nicht mehr mei­nen Augen trauen wollte. Ich wurde gefragt, woher ich käme, wie mir Rio und Rocinha gefie­len, was ich denn dar­über gehört hätte, und ob es in Deutsch­land auch Armuts­vier­tel gebe. Viel­leicht lag es an mei­nem Beglei­ter, daß wir an jeder Stra­ßen­ecke begrüßt wur­den, viel­leicht waren diese Leute aber auch ein­fach nur neu­gie­rig, wie sich ein Gringo wie ich an einem sol­chen Ort ver­ir­ren konnte. Schließ­lich lud uns sogar eine ältere Dame in ihr Haus ein. Sie wollte uns zei­gen, wie sie hier wohnte (zwei erstaun­lich große Zim­mer, eine ein­fa­che Küche und ein Bad), wollte uns einen Ein­druck geben, daß hier nicht das Elend zu fin­den sei, das die Welt erwarte. Mit sicht­ba­rem Stolz führte sie uns anschlie­ßend auf ihre Dach­ter­rasse, von wo aus wir für einige Zeit den herr­li­chen Aus­blick über die sich an den Hügel anschmie­gende Rocinha genos­sen. Gedan­ken­ver­lo­ren ver­suchte ich mich zu erin­nern, ob ich ent­ge­gen aller War­nun­gen jemals so bereit­wil­lig die Ein­la­dung eines Frem­den ange­nom­men hatte. Die Favela, so schien mir schlu­ßend­lich, war ein ande­rer Ort als jener, von dem ich so viel gehört hatte.

Die Favelados finden ihre »felicidade« – ihr Glück – vor allem in den kleinen Dingen.

Die Fave­la­dos fin­den ihre »feli­ci­dade« – ihr Glück – vor allem in den klei­nen Dingen.

Die Mili­tär­po­li­zei

Also ver­suchte ich zu erfah­ren, woher diese Gerüchte stamm­ten und wel­chen Anteil die Befrie­dungs­ak­tio­nen daran hat­ten, den jet­zi­gen, doch eher auf­fal­lend geord­ne­ten Zustand auf­recht zu erhal­ten. Doch gleich, mit wem man über die Schock­trup­pen spricht, man stößt stets auf die­selbe Wut, oft auch auf bit­te­ren Hass gegen die UPP, die BOPA und die Regie­rung des Bun­des­staa­tes Rio de Janeiro, die sie befehligt.

In dun­kel uni­for­mier­ten Ein­hei­ten von fünf bis zehn Mann patrouil­lie­ren sie schwer bewaff­net die Stra­ßen. Grim­mi­gen Bli­ckes mus­tern sie vor­bei­fah­rende Autos, geparkte Motor­rä­der und jeden Pas­san­ten, tra­gen ihre Maschi­nen­ge­wehre stets schuss­be­reit vor ihren gepan­zer­ten Kör­pern, als würde in jedem Win­kel eine neue Gefahr lau­ern. Selbst als Besu­cher spürte man schnell ihre enorme Prä­senz, die ins­be­son­dere an beleb­te­ren Orten durch wei­tere Ein­hei­ten und Ein­satz­fahr­zeuge ver­stärkt wurde. Ich war irri­tiert, wie gleich­sam unbe­tei­ligt sie durch die Menge wan­del­ten, bis mir auf­fiel, daß die Leute sie nach Mög­lich­keit mie­den, daß nie­mand mit ihnen sprach und daß sie selbst in den Restau­rants eigene Tische zuge­wie­sen beka­men, weil sich nie­mand in ihrer Gesell­schaft bli­cken las­sen wollte. Erst spä­ter erfuhr ich, daß man hier schon aus Angst, der Sym­pa­thie bezich­tigt zu wer­den, nicht das Gespräch mit ihnen suchte.

Wer hin­ge­gen von den Poli­zis­ten der UPP ange­spro­chen wird, fürch­tet Schlim­mes. Wel­chen der Bewoh­ner ich auch fragte, mir wurde von etli­chen Vor­fäl­len der Will­kür­be­hand­lung, des Macht­miß­brauchs und gar von Ver­bre­chen berich­tet, wel­che Mit­glie­der der UPP und BOPA in Rocinha began­gen haben sol­len. Zwar wurde ich nicht Zeuge einer ein­zel­nen Kon­fron­ta­tion, doch klan­gen man­che der Berichte so unge­heu­er­lich, daß ich meine Zwei­fel daran gehabt hätte, wenn nicht die Behör­den in öffent­li­chen Stel­lung­nah­men man­che der schwer wie­gen­den Vor­würfe ein­ge­räumt hätten.

So gehör­ten ernied­ri­gende Durch­su­chun­gen zum All­tag, wenn etwa, wie Zez­inho berich­tete, einem 60-jährigen Mann das eben ein­ge­kaufte Gemüse abge­nom­men und ein­zeln auf dem dre­cki­gem Boden statt einem Tisch, der genau dort stand, gelegt wurde. Die Jour­na­lis­tin Mariana Alba­nese berich­tete, wie sie in der benach­bar­ten Favela Vidi­gal von Poli­zis­ten geschla­gen und abge­führt wurde, nach­dem sie an einem Pro­test gegen den anschei­nend staat­lich nicht auto­ri­sier­ten, aber den­noch durch­ge­führ­ten Abriss des ein­zi­gen Fuß­ball­plat­zes zuguns­ten einer neuen UPP-Wache teilnahm.

Es komme wohl auch immer wie­der zu Kor­rup­ti­ons­fäl­len, wenn etwa UPP-Beamte damit droh­ten, harm­lose Par­ties auf­zu­lö­sen, wenn kein Schutz­geld fließe. Zez­inho berich­tete mir von einem sol­chen Ein­schüch­te­rungs­ver­such, eine von ihm ver­an­stal­tete Feier zu schlie­ßen. Letzt­lich habe die Party ohne eine Zah­lung statt­fin­den kön­nen, doch in vie­len ande­ren Fäl­len wür­den sich die Beam­ten schlicht auf die umstrit­tene Reso­lu­tion 013 beru­fen, die es ihnen ermög­licht, jeder­zeit jede Ver­an­stal­tung – vom Clu­bevent bis zur Kom­mu­ni­ons­feier – auf­zu­lö­sen. Diese Will­kür­pra­xis eini­ger UPP-Kommandeure wird von vie­len mit den abso­lu­tis­ti­schen Geba­ren der eins­ti­gen Dro­gen­bosse verglichen.

Auch manch andere Geset­zes­über­tre­tung eint die alten und die neuen Macht­ha­ber. So gab Nem nach sei­ner Fest­nahme zu Pro­to­koll, daß etwa die Hälfte sei­ner Ein­künfte für Beste­chungs­gel­der auf­ge­wen­det wur­den. Sein Jah­res­um­satz wird auf 100 Mil­lio­nen Reals, etwa 31 Mil­lio­nen Euro geschätzt. Selbst die Tages­zei­tung “O Globo”, das Flagg­schiff des regie­rungs­na­hen Medi­en­im­pe­ri­ums Orga­ni­za­ções Globo, fügte ihrer kur­zen Mit­tei­lung an, daß er sogar detail­lierte Anga­ben zu den Zah­lun­gen machen konnte.

Töd­li­che Polizeigewalt

Doch kaum ein ande­rer Fall lässt die Bewoh­ner der Rocinha so sehr erschau­dern wie der des Mau­rers Ama­rildo Dias de Souza, der lan­des­weit trau­rige Berühmt­heit erreicht hat. Ama­rildo war ein Gele­gen­heits­ar­bei­ter aus der Favela, der im Juli des ver­gan­ge­nen Jah­res spur­los ver­schwand, nach­dem er laut unab­hän­gi­gen Zeu­gen­aus­sa­gen von Poli­zis­ten der UPP fest­ge­nom­men und zur ört­li­chen Wache abge­führt wurde. Die Kennt­nisse über sein wei­te­res Schick­sal sind trotz umfang­rei­cher Ermitt­lun­gen noch lücken­haft, doch bis­her deu­tet alles dar­auf hin, daß der 47-jährige auf Anwei­sung des ört­li­chen UPP-Kommandeurs Edson San­tos von vier Mili­tär­po­li­zis­ten zu Tode gefol­tert wurde, wäh­rend zwölf wei­tere Beamte zuschau­ten und ins­ge­samt 17 UPP-Mitglieder an der Besei­ti­gung sei­ner Lei­che betei­ligt waren.

Der Gerichts­pro­zess gegen ins­ge­samt 25 in der Rocinha sta­tio­nierte UPP-Polizisten wurde erst vor weni­gen Tagen auf­ge­nom­men, nach­dem nicht nur die ganze Favela, son­dern auch die breite Öffent­lich­keit Rio de Janei­ros auf­merk­sam die Ermitt­lun­gen ver­folg­ten. Dem­nach wurde Ama­rildo Dias de Souza als einer von drei­ßig Ver­däch­ti­gen, wel­che von 300 UPP-Polizisten im Rah­men einer Raz­zia fest­ge­nom­men wur­den, auf die ört­li­che Wache geführt, wo er jedoch nach eini­gen Minu­ten frei und unbe­scha­det ver­las­sen konnte. Ab da ver­liert sich sein Weg, Ama­rildo wurde zwei Tage spä­ter von sei­ner Fami­lie als ver­misst erklärt.

Bin­nen weni­ger Tage bran­dete eine enorme Pro­test­welle an, Freunde und Nach­barn besetz­ten wich­tige Ver­kehrs­adern Rios und wur­den bald mit ihrer mitt­ler­weile berühmt gewor­de­nen Frage “Onde está o Ama­rildo?” – Wo ist Ama­rildo? – von unzäh­li­gen Mit­strei­tern auf Face­book, Twit­ter und Tum­blr unter­stützt. Bald schal­te­ten sich auch die ört­li­chen und natio­na­len Medien und ein. Mög­li­cher­weise war es gerade der drän­gen­den Stimme der Öffent­lich­keit zu ver­dan­ken, wel­che die Ermitt­lun­gen im Fall Ama­rildo zu einer höchst­in­stanz­li­chen Ange­le­gen­heit beför­derte. Der Gou­ver­neur des Bun­des­staa­tes Rio de Janeiro, Ser­gio Cab­ral, schal­tete sich ein und schließ­lich wurde der Direk­tor der Mord­kom­mis­sion Rivaldo Bar­bosa mit den Ermitt­lun­gen betraut, deren scho­ckie­rende Ergeb­nisse Anfang Februar erst­mals en detail bekannt wur­den.

Dem­nach sei die offi­zi­elle Dar­stel­lung der Poli­zei wider­legt, man habe Ama­rildo mit einem Dea­ler ver­wech­selt, ihn aber wie­der frei­ge­las­sen, wes­halb sein Ver­schwin­den der Dro­gen­ma­fia oder der Fave­la­ge­meinde zuzu­schrei­ben sei.  Zwar ist unklar, wann und wo genau Ama­rildo ent­führt wurde, doch wurde er bald in einen Con­tai­ner hin­ter dem UPP-Hauptquartier der Rocinha gebracht, wo er 40 Minu­ten lang gefol­tert wurde. Edson San­tos gestand, daß er diese Miß­hand­lun­gen auto­ri­siert habe, wor­auf­hin vier sei­ner Poli­zis­ten hei­ßes Wachs in den Mund des Man­nes ein­ge­gos­sen, sei­nen Kopf mehr­fach in einen gefüll­ten Was­ser­ei­mer getaucht, ihn anschlie­ßend mit Elek­tro­schocks trak­tiert und Plas­tik­tü­ten über sei­nen Kopf gezo­gen hät­ten, bis Ama­rildo an den Fol­gen der Fol­ter gestor­ben sei. Zwölf wei­tere Poli­zis­ten hät­ten die Anwei­sung gehabt, dem Mord bei­zu­woh­nen. Kei­ner von ihnen, so die Anklage, sei ein­ge­schrit­ten oder habe pro­tes­tiert. Wei­tere elf Beamte hät­ten vor dem Con­tai­ner gewar­tet, wo sie die Schreie des Hand­wer­kes gehört hätten.

Das Motiv für die Tat, auch der Grund für die Fest­nahme bleibt wei­ter­hin unge­klärt. Fami­lie, Freunde und Nach­barn beschrei­ben den Mann als einen hart arbei­ten­den, aber unge­lern­ten Mau­rer, wel­cher als “der Bulle” bekannt gewe­sen sei, weil er keine kräf­te­zeh­rende Arbeit scheute, etwa wenn er wie so oft für andere Fave­la­be­woh­ner schwere Las­ten den Hügel hin­auf­schleppte. Als ein Analpha­bet, der gerade so sei­nen Namen schrei­ben konnte, sei Ama­rildo ein ehr­li­cher Mann gewe­sen, der kei­ner­lei Ver­bin­dun­gen zur Dro­gen­ma­fia gehabt und auch sonst kein Unrecht getan hätte. Statt­des­sen habe er mit klei­nen Gele­gen­heits­jobs den Unter­halt sei­ner sie­ben­köp­fi­gen Fami­lie bestrit­ten und sei oft­mals noch nach Fei­er­abend mit sei­ner Angel aus­ge­zo­gen, um ange­sichts sei­nes kar­gen Ein­kom­mens weit unter dem Min­dest­lohn wenigs­tens etwas Fisch auf den Tel­ler brin­gen zu kön­nen. Auch an jenem ver­häng­nis­vol­len Tag war Ama­rildo gerade erst vom Angeln heim­ge­kehrt, als bereits die UPP-Beamten nach sei­nen Papie­ren fragten.

Mitt­ler­weile wird eini­gen der Ange­klag­ten vor­ge­wor­fen, gezielt Tat­spu­ren ver­wischt und Falsch­aus­sa­gen abge­ge­ben zu haben. So war etwa die ein­zige Kamera, in deren Bild­be­reich der Tat­ort lag, in der Ent­füh­rungs­nacht wegen unge­klär­ter Brand­ein­wir­kung funk­ti­ons­un­tüch­tig und auch das GPS-System des Poli­zei­au­tos, in dem sich Ama­rildo nach­weis­lich befand, war für die­sen Zeit­raum aus­ge­schal­tet. Am Fol­ge­tag reich­ten vier der ange­klag­ten Poli­zis­ten ein Gesuch um Ver­set­zung in eine andere Ein­heit ein, und wie indes­sen bekannt wurde, hat San­tos vier der Ange­klag­ten instru­iert, eine von ihm vor­be­rei­tete Dar­stel­lung der Gescheh­nisse auszusagen.

Vor weni­gen Tagen begann die Haupt­ver­hand­lung im Pro­zess gegen die 25 ange­klag­ten UPP-Beamten, wobei neben den Haupt­an­ge­kla­ge­punk­ten der unter­las­se­ner Hil­fe­leis­tung acht Betei­ligte und der Bil­dung einer kri­mi­nel­len Grup­pie­rung 13 Poli­zis­ten ange­schul­digt wur­den. Sie tref­fen auf 19 Zeu­gen der Anklage, dar­un­ter auch die Witwe des Opfers. Sie und ihre sechs Kin­der wur­den unter­des­sen in ein Zeu­gen­schutz­pro­gramm auf­ge­nom­men. Wer­den die Ange­klag­ten der gegen sie ange­führ­ten Taten über­führt, droht ihnen einen Straf­maß von neun bis 33 Jah­ren Haft in einem der über­füll­ten und für ihre bru­tale Gewalt berüch­tig­ten Gefäng­nisse Bra­si­li­ens.

Ent­füh­rungs– und Mord­fälle wie der Ama­rildo Dias de Sou­zas sind in Fave­las des Bun­des­staa­tes Rio de Janeiro keine Ein­zel­er­schei­nun­gen. Schon bevor in die­sem Ermitt­lungs­ver­fah­ren bekannt wurde, daß die Ange­klag­ten auch in der Ver­gan­gen­heit Fave­la­dos der Rocinha bedroht und gefol­tert hat­ten, wur­den erschre­ckende Sta­tis­ti­ken über die schiere Zahl der Ver­miss­ten des Bun­des­staa­tes bekannt. Der Sozio­loge Fábio Alves Aráujo wer­tete die Ver­miss­ten­an­zei­gen zwi­schen 1991 und Mai 2013, zählte dabei 91.807 ver­schwun­dene Per­so­nen. Allein im letz­ten Jahr des Unter­su­chungs­zeit­raums wur­den mehr als fünf­tau­send Fälle regis­triert. Dies betreffe vor allem Män­ner aus den Fave­las. Antô­nio Car­los Casto, der Vor­sit­zende der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Rio de Paz, setzt die Dun­kel­zif­fer weit­aus höher an. Gegen­über der Nach­rich­ten­agen­tur IPS sagte er, Bra­si­lien sei “ein Land der Straf­frei­heit für Tötungs­de­likte. Tau­sende Leute ver­schwin­den, doch die Behör­den inter­es­sie­ren sich nicht für ihren Ver­bleib.” So erge­ben wei­tere For­schun­gen in den Poli­zei­ar­chi­ven Rio de Janei­ros, daß die Ermitt­lun­gen häu­fig nicht von der Poli­zei, son­dern erst durch die Fami­lien der Ver­miss­ten auf­ge­nom­men wer­den. Dar­über­hin­aus wird die Rolle der Poli­zei wird immer wie­der in der Kom­pli­zen– oder Täter­schaft gefun­den, so sei Costa zufolge “in man­chen die­ser Fälle die Poli­zei ver­wi­ckelt” und es lägen gar “geheime Fried­höfe über die ganze Metro­pol­re­gion Rio de Janeiro verstreut”.

Die beob­ach­ten­den Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Rio de Paz, die Comis­são da Ver­dade do Rio de Janeiro (Wahr­heits­kom­mis­sion Rio de Janeiro) und auch Amnesty Inter­na­tio­nal sehen das Ver­hal­ten der Poli­zei zuneh­mend in der Nach­folge der Mili­tär­dik­ta­tur, die noch bis 1985 in Bra­si­lien herrschte. Jene Struk­tu­ren, die BOPA und UPP her­vor­brach­ten, stam­men noch aus die­ser Zeit und es gibt bis­her keine Anzei­chen, daß sich der Staat ein für alle­mal sei­ner Mili­tär­po­li­zei ent­le­di­gen würde. Wadih Damous, der Prä­si­dent der Comis­são da Ver­dade do Rio de Janeiro, warnte kurz nach dem Bekannt­wer­den des Ver­schwin­dens Ama­ril­dos: “Nebst der Ver­schwun­de­nen der Mili­tär­dik­ta­tur müs­sen wir auch jene schüt­zen, die in der Demo­kra­tie verschwinden.”

Denn die ist, wie sich auch im Fall Ama­rildo Dias de Souza her­aus­stellte, geschwächt, wenn das Anse­hen der Poli­zei in Staats­krei­sen die Unbe­fan­gen­heit gefähr­det. Im ver­gan­ge­nen August wurde das Gesuch sei­ner Witwe, ihn offi­zi­ell für tot zu erklä­ren und somit Wit­wen­rente erhal­ten zu kön­nen, vom Rich­ter mit der Begrün­dung abge­lehnt, daß sein “Ver­schwin­den statt­fand, als sich Ama­rildo in der Hand von Staats­be­am­ten befand, wovon an und für sich keine Lebens­ge­fahr aus­geht. Es wurde keine bewaff­nete Kon­fron­ta­tion, keine echte Gefahr bekannt, wel­che die Erklä­rung des ange­nom­me­nen Todes recht­fer­ti­gen könnte.”

Der Rich­ter­spruch steht exem­pla­risch für das blinde Ver­trauen in die Mili­tär­po­li­zei, die sich trotz unzäh­li­ger Vor­fälle und Ver­ge­hen immer noch nicht einer brei­ten öffent­li­chen Kri­tik aus­ge­setzt sieht, die an ihren Grund­fes­ten rüt­telt. Miß­hand­lun­gen, Fol­ter und Ent­füh­run­gen sind nicht nur in der Rocinha an der Tages­ord­nung, auch andere Fave­las sehen sich nach dem Ver­schwin­den der bru­ta­len Dro­gen­gangs neuer Gewalt aus­ge­setzt. Ein unkon­trol­lier­tes Macht­sys­tem ersetzt das andere. Das Mas­sa­ker von Alemão, bei dem eine Raz­zia gegen das dor­tige Dro­gen­kar­tell 19 über­wie­gend unschul­di­gen Fave­la­dos getö­tet wur­den, machte im Juni 2007 welt­weit Schlag­zei­len. Die Ermitt­ler stell­ten damals fest, daß das Ver­bre­chen den Cha­rak­ter einer Exe­ku­tion gehabt habe, bei dem die betei­lig­ten Mili­tär– und Zivil­po­li­zis­ten auch gezielt Kopf­schüsse abge­feu­ert hat­ten.

Das Mas­sa­ker von Alemão über­schat­tete die Pan-Amerikanischen Spiele, die zeit­gleich in Rio de Janeiro aus­ge­tra­gen wur­den. Damals wie auch heute sah das städ­ti­sche Sicher­heits­kon­zept eine Säu­be­rung der Fave­las durch para­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten vor. In die­sem Jahr wur­den in der Rocinha bei Schie­ße­reien zwi­schen UPP und Dea­lern bereits zwei neue Todes­op­fer gezählt, wäh­rend in Par­que Pro­letário eine junge Poli­zis­tin einem Kopf­schuss erlag. Aus Rache, so heißt es, haben Mili­tär­po­li­zis­ten wenige Tage spä­ter in einer ande­ren Favela sechs Men­schen hingerichtet.

Die Bewoh­ner der Fave­las leben in stän­di­ger Angst. Auch in der Rocinha, wo trotz Ama­ril­dos Ermor­dung alles so fried­lich scheint, daß Fremde sich siche­rer als in Ipa­nema füh­len. Was die Täter, aber auch die Poli­zis­ten, deren Will­kür sie sich jeden Tag aus­ge­setzt sehen, dazu antreibt, ver­ste­hen sie nicht. Denn die meis­ten sind genau wie sie in einer der hun­derte Fave­las auf­ge­wach­sen. Viele von ihnen woh­nen noch immer in einem Armuts­vier­tel, ver­rich­ten aber ihren Dienst in einer ande­rer Favela, wo sie kei­ner kennt. Wüss­ten ihre Nach­barn, wie sie ihr Geld ver­die­nen, sie müss­ten wohl um ihr Leben fürch­ten. Obgleich zwar die ein­fa­chen Bewoh­ner wohl nicht nach ihrem Leben trach­ten wür­den, könnte sie doch jeder­zeit der Schuss eines Jugend­li­chen tref­fen, der im Auf­trag der Dro­gen­bosse für einige Reals mor­den geht.

Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft ver­ge­hen nicht ein­mal mehr vier Monate und dann beginnt auch schon die Vor­be­rei­tung auf die Olym­pi­schen Som­mer­spiele im Jahr 2016. Die Befrei­ungs­gar­den wer­den bis dahin ihre Ope­ra­tio­nen aus­wei­ten, mehr Fave­las beset­zen, mehr Ein­hei­ten sta­tio­nie­ren, mehr Prä­senz zei­gen und, wie man fürch­ten muss, für mehr Blut­ver­gie­ßen sor­gen. Die Köpfe der nicht min­der stark bewaff­ne­ten Mafias kün­dig­ten bereits eine Welle der Gewalt an: Wenn die Welt zu Gast in Rio ist, wür­den sie sich für all die miß­han­del­ten, ent­führ­ten und getö­te­ten Leute rächen, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren der Befrie­dung zum Opfer gefal­len sind. Wie bereits oft­mals zuvor wol­len sie die gesamte Stadt lahm legen, zu Gewalt gegen Poli­zei und wohl auch Tou­ris­ten auf­ru­fen. Wie­der wird es Unschul­dige tref­fen und wie­der wer­den es vor allem die Mil­lio­nen Fave­la­dos sein, die in das Kreuz­feuer des erbit­tert geführ­ten Stra­ßen­kamp­fes geraten.

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